Antwort schreiben 
 
Themabewertung:
  • 0 Bewertungen - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Erlebte Tiefe
13.04.2011, 18:24 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 14.04.2011 13:05 von Miraculus.)
Beitrag: #1
Erlebte Tiefe
Hallo zusammen,

immer wieder wird das Thema angerissen, ob "tiefe Trance" bei Beratung oder Therapie hilfreich sei. Dabei wird im Zusammenhang mit "Tiefe" meistens das primäre Augenmerk auf den Grad der hypnotischen Suggestibilität gelegt.

Es gibt aber noch andere Formen der "Tiefe", insbesondere das subjektive Erleben des hypnotischen Zustandes.
Allerdings ist es durchaus so, daß besonders diejenigen, die sehr hohe Werte auf Suggestibilitätsskalen erreichen, auch die besten Chancen haben, eine besondere "Tiefe" der trance zu erleben.

Es kommt in einer "tiefen Trance" oft zu typischen Veränderungen der Wahrnehmung, des Denkens und Empfindens, die unter Hypnotiseuren allgemein (mehr oder weniger) bekannt sind. Hier dennoch eine Zusammenfassung typischer Erlebnisse, basierend auf einer umfassenden und systematischen Untersuchung durch Cardeña*:

- Gefühl des Schwebens

- Änderungen des Körperempfindes, Gefühl des Fliegens oder des Verlassens des Körpers; Gefühl, daß der Körper nicht mehr existiert

- Umgebung tritt in den Hintergrund oder wird überhaupt nicht mehr wahrgenommen

- Verlangsamung oder sogar Anhalten der Zeit, Verlust des Zeitsinnes

- Gefühle von Liebe, Staunen, Euphorie und Freiheit (manchmal aber auch Angst aufgrund des noch ungewohnten und fremden Erlebens)

- Veränderung der Erinnerung: Es fällt schwer, sich an manche alltäglichen Dinge zu erinnern, während die Erinnerung an manche andere Dinge plötzlich spontan kommt

- Erleben größerer Kontrolle über den geistigen Zustand

- Gefühl frei fließender Aufmerksamkeit

- Abstraktes Denken macht Bildern oder geistiger "Leere" (Gedankenabwesenheit) Raum.

- Verstärkung, Intensivierung und Bereicherung der Imagination; spontanes AUftreten von Bildern

- Gefühl des Träumens

- Wahrnehmung von Lichtblitzen, Helligkeit oder tiefer Dunkelheit

- Gefühl, eins mit allen Dingen zu sein, Gefühl der Verbundenheit, Verlust der eigenen Identität bei gleichzeitigem Bewußtsein, im Kontakt mit dem inneren Selbst zu sein

- Gefühl, in einer "anderen Realität" zu sein, verbunden mit Gefühl tiefen Verstehens seiner selbst

- Empfinden gesteigerter Möglichkeiten und erhöhter Bedeutung

- Synästhetische Erfahrungen (verschiedene Sinnesmodalitäten gehen in einander über; beispielsweeise werden visuelle Eindrücke von Tönen begleitet)

- Einige Subjekte beschreiben ihre Erlebnisse wie folgt: "Verschiedenfarbige Linien, die sich in die Unendlichkeit ausdehnen und Musik erzeugen, die ich nie davor gehört habe." "Verschmelzen mit reinem Licht oder Energie und sein Allerinnerstes finden." "Ich bin keine Materie mehr, ich bin nur noch Energie."

- Auch wenn nicht explizit durch Cardeña erwähnt, so sind auch weitere Erlebnisse klassisch: Z.B. eine eränderte Wahrnehmungen der Stimme des Hypnotiseurs. Im Fading wird seine Stimme mal lauter und näher und dann entfernter und schwächer wahrenommen; manche hören die Stimme des Hypnotiseurs auch so, als wäre sie in ihrem Kopf.

- Manche haben das Gefühl nichts mehr wahrzunehmen als das, was der Hypnotiseur sagt, und das für sie wie ein Faden ist, an dem sie langgehen.


Selbstverständlich ist das nur eine schematische Zusammenfassung von Erfahrungen, wie sie typisch sind; sie kommen natürlich gewöhnlich nicht alle zusammen und können auch varieren.

Typischerweise erlebten Cardeñas "Subjekte" ihre Erfahrungen übrigens so, daß sie sie aufrechterhalten und beenden, aber nicht erschaffen können.

Cardeñas Probanden konnten ußerdem während der Sitzung jederzeit den Kontakt zum Hypnotiseur aufrechterhalten und nach der Sitzung ihre alltäglichen Aktivitäten wieder normal aufnehmen.

Die Gefühle der Teilnehmer nach der Hypnose waren positiv, und negative Nebenwirkungen traten in keinem Fall auf (die Partizipanten waren aber auch alle psychisch gesund und stabil, soweit sich das sicherstellen ließ).

Probanden berichteten als Folge ihrer Teilnahme an Cardeñas Experiment (das in mehreren Sitzungen bestand) eine höhere Lebhaftigkeit der Wahrnehmung, eine gesteigerte Fähigkeit, sich an Träume zu erinnern, den Rückgang von Ängsten und Alpträumen, ein besseres Verständnis ihrer selbst ("personal insight"), eine verbesserte/bereinigte ("validated") Spiritualität sowie innerern Frieden. Eine Probandin nutzte Jahre später Selbsthypnose für eine Geburt ohne Schmerzmittel ein.

Die Ergbnisse der bewußten Studie bestätigen teilweise allgemein Bekanntes. Sie legen dem Autor zufolge außerdem auch nahe, daß leichte und tiefe Trance nicht einfach als Kontinuum aufzufassen sind, bei dem die tiefe Trance dasselbe wie die leichte Trance wäre, nur eben intensiver. Vielmehr handele es sich um unterschiedliche Zustandsarten. Beispielsweise kommt es bei der leichten Trance oft dazu, daß der Körper intensiver wahrgenommen wird, während dieses Phänomen mit tiefer werdender Trance gewöhnlich irgendwann verschwindet; und andere Erlebnisformen wie die Wahrnehmung von hellem Licht oder die Abwesenheit von Gedanken entstehen typischerweise nicht in leichter Trance, um dann allmählich zuzunehmen, sondern treten eher aprubt und auf einmal in tiefer Trance auf (wenn sie auftreten).
Und natürlich erinert die Beschreibung tiefer trance insbesondere auch an tiefe Meditation.

Die Resultate sprechen zudem natürlich für die Hypothese, daß hypnotische Trance an sich - im Sinne einer Leerhypnose - positive Effekte haben kann. Das scheint vor allem eben auf "tiefe Trance" zuzutrefen.

Wenn wir uns nochmals die typischen Erlebnisse anschauen, dann lassen sich die Erfahrungen der tiefen Trance m.E. großteils beschreiben als ein Verschwinden von Grenzen und starren Mustern, als deutlich erhöhte mentale Flexibilität, als gesteigerte Verbundenheit mit sich selbst, mit Symbolen der Transzendenz und der Gesamtheit aller Dinge, sowie als Empfinden tiefer positiver Gefühle und als Prozeß innerer Klärung, außerdem manchmal auch als starke Verbundenheit und Harmonie mit dem Hypnotiseur. (Vgl. auch die zusammenfassungen von Cardeña.)

Die positiven Auswirkungen (tiefer) Trance verwundern so gesehen nicht. Und die Vermutung liegt nahe, daß in der Tat die Reichhaltigkeit des Erlebens bzw. die erfahrene Tiefe für das Ausmaß günstiger Effekte einer Hypnose mitverantwortlich sind.

Es gibt allerdings meines Wissens bis heute keine Untersuchung, die den Zusammenhang zwischen erlebter "Tiefe" und Therapieerfolg untersucht, so daß wir hier auf Vermutungen angewiesen sind.
Wie aber bereits eingangs erwähnt ist der Zusammenhang zwischen erlebter Tiefe und hypnotischer Suggestibilität (gemessen nach RSPS-Skalen) deutlich, allerdings nur statistisch, gilt also nicht in jedem Fall.

Allerdings ist auch klar, daß auch eine leichte Trance sehr guttun und Hypnotherapie auch mit leichter trance sehr erfolgreich sein kann.

LG Miraculus
* Etzel Cardeña: "Deep Hypnosis"
http://www. scribd.com/doc/6480003/Cardena-Deep-Hypnosis
(Link durch Leerzeichen deaktiviert, weil ich mir über den Status der Seite nicht klar bin.)
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Antwort schreiben 


Nachrichten in diesem Thema
Erlebte Tiefe - Miraculus - 13.04.2011 18:24

Gehe zu:


Kontakt | Hypnosering-Seminare | Nach oben | Zum Inhalt | Archiv-Modus | RSS-Synchronisation