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Verbrechen durch hypnotische Halluzination?
08.12.2008, 19:13
Beitrag: #1
Verbrechen durch hypnotische Halluzination?
Hallo zusammen,

angeregt von einer Bemerkung von Nico möchte ich das Thema aufwerfen.
Ein bekannter (und nicht ganz unumstrittener, wenn ich das so bemerken darf) ehemaliger Showhypnotiseur hat den folgenden Versuch gemacht:
Er suggerierte dem Probbanden, er müsse sofort schießen, denn er werde durch ein wildes tier (ich glaube ein Löwe) bedroht.
Tatsächlich stand aber ein Mensch vor dem Probanden, den er wohl illusionär für ein Raubtier hiielt. Und der Proband schoß!
Ist das nun der schlagende beweis, daß man mit Hypnose/Suggestion beliebeige Verbrechen erzeugen kann?
Daß man das Denken oder die Wahrnehmung nur suggestiv zu verzerren braucht, und man Menschen beliebig maniulieren kannß

Ich denke: Nein.

Man kann diese Sache nämlich auch ganz anders erklären, und ich werde weiter unten ausführen, warum diese andere Auffassung keineswegs gekünstelt ist, sondern argumentativ sehr fundiert:

Der Proband wußte unterbewußt genau, daß keine echte Gefahr bestand. Deshalb hat er auch geschossen. Er wuußte zumindes unbewußt, daß alles nur Show war. Die Halluzination hat damit gar nichts zu tun, daß er tat, wie man ihm befahl.

Wie kommt man zu dieser Annahme?

Weil man gar keine Halluzinationen braucht, um Verbrechen begehen zu lassen, und weil der Hypnotisierte unbewußt Realität von Täuschung unterscheiden kann.

Hypnotisierte begehen, wenn sie nachdrücklich aufgefordert werden, gewöhnlich alle Arten von Verbrechen. Sie tun, was der Experimentator möchte. Sie sind bereit, andere Menschen massiv zu schädigen, und auch sich selbst.
Sie schütten eine ätzende Säure auf den Versuchsleiter, obwohl sie gesehen haben, wie sich ein Stück Fleich in ihr aufgelöst hat, und fassen selbst hinein. Sie "vergiften" andere Personen, schießen auf sie, usw.

Nichthypnotisierte Personen, Kontrollsubjekte unter denselben sozialen Bedingungen und demselben Druck, tun genau dasselbe und in genau demselben Maße, der Tendenz nach wenn schon sogar eher mehr.
Wenn Hypnose Verbrechen begünstigt, dann wegen des sozialen Druckes, der mit ihr verbunden ist.

Leider ist die Aussagekraft solcher Experimente gewöhnlich sehr eingeschränkt, denn man kann davon ausgehen, daß die Versuchspersonen ahnen, daß ihnen nicht wirklich etwas Schlimmes passiert, sondern daß sie vielmehr geschützt sind. Sie wissen, daß der Versuchsleiter ein normaler, vernünftiger Mensch ist und für die Sicherheit garantiert, daß die Situation also letztlich harmlos ist und nur gefährlich wirken soll.

Eine interessante Frage ist natürlich auch, ob man mithilfe hypnotischer Halluzinationen Verbrechen begünstigen kann, indem man die Subjekte täuscht.
Die Experten hier soweit einig, daß der Hypnotisierte auf einer betimmten Ebene stets die tatsächliche Wirklichkeit wahrnimmt, und auch in der Lage ist, die Konsequenzen seines Handelns in diesem Licht zu erkennen.

Der Hypnosewissenschaftler Gibson bemerkt, daß er noch nie einen Fall erlebt habe, wo jemand unter hypnotischen Halluzinationen sich ernsthaft schadet oder Handlungen begeht, die wirklich gefährlich sind.

Auch der englische Arzt Bramwell hatte einige entsprechende Experimente durchgeführt, die stark dafür sprechen, daß der Hypnotisierte den Realitätsbezug nicht verliert und trotz aller hypnotischen Täuschungen keine Vebrechen begeht, wenn er davon ausgehen muß, daß die Situation wirklich bedrohlich und nicht nur ein Experiment ist.
(Beispielsweise wies er ein hervorragendes Hypnosesubjekt an, auf die "Einbrecher" im anderen Zimmer zu schießen, die n in Wahrheit atürlich nur harmlose waren, nachdem er ihren Revolver entleert hatte. Diese Frau, die schon einmal auf echte Einbrecher geschossen hatte, weigerte sich entsetzt.)

Ein Beispiel wird durch einen Herrn namens Martin Orne, seinerzeit Psychiater und Psychologe, so geschildert:

"In gewisser Weise kann die Person weiterhin die reale Welt erkennen, obwohl sie diesen Kognitionen meist keinen Glauben schenkt. Die genaue Beobachtung ihres Verhaltens zeigt immer wieder die Existenz einer solchen Bewußtheit...
Eine tief hypnotisierte Person wurde einer Gruppe von ausgesuchten Richtern und Beamten zu Demonstrationszwecken vorgestellt. Bereitwillig stieß sie mit einem Gummidolch zu, vergiftete mit Pulverzucker und verübte alle möglichen Verbrechen und Verstümmelungen, wenn sie von ihr verlangt werden."
Nachdem die offiziellen Besucher gegangen waren:
"In der Absicht, die Vorstellung mit einer etwas heiteren Note zu beenden, suggerierten sie der Patientin, daß sie allein sei und sich entkleide - eine Suggestion, die sie prompt aus der Hypnose erwachen ließ. Zweifellos erkannte sie zu einem gewissen Grade völlig klar den Unterschied einem simulierten Verbrechen und einer wirklich peinlichen Situation."

Ein Experiment von mir:

Ich suggerierte einer "tief hypnotisierten " Vp, daß eine dritte Person, die ihr nahesteht, weg ist, obwohl diese in Wahrheit am Boden lag. Das funktionierte auch gut.

Dann bat ich die Vp einen bestimmten Weg zu gehen. Wenn sie ihn direkt gegangen wäre, dann hätte sie eigentlich die am Boden liegende Person "übertrampeln" müssen. Ich achtete darauf, daß ich das notfalls hätte verhindern können.
Tatsächlich aber machte die Vp einen Bogen. Als ich sie fragte warum, meinte sie, da liege am Boden so viel Staub und Fuseln.Ich fragte sie dann, ob es okay wäre, wenn ich da mal reinhopse.
Nein, lieber nicht, meinte die Vp, sonst würde sich das so verteilen.

Das sind offensichtlich Rationalisierungen. Die Vp wollte nicht über die dritte Person laufen und nicht, daß ich auf sie draufspringe (was ich natürlich nicht gemacht hätte).

Ich habe von diesem und anderen Experimenten sehr stark den Eindruck, daß die halluzinierende Person sozusagen "spielt" und die Wahrheit sehrwohl kennt. Jedoch nicht bewußt, sondern unbewußt, aber doch so, daß sie demenstprechend handelt, wenn es notwendig ist.

Ein von bongrtz geschildertes Experiment:

"....Dazu passen auch die vielen Berichte, nach denen bei Hypnosedemonstrationen hypnotisierte Versuchspersonen dazu veranlaßt werden konnten, auf Anwesende zu schießen, auf sie einzustechen oder ihnen etwas zu stehlen. So "schoß" ein junger Mann in Hypnose mit einem ungeladenen Gewehr, das ihm gegenüber aber als geladene Waffe bezeichnet wurde, auf andere Menschen. [Womit der grandiose Versuch von Herrn C. übrigens noch in den Schatten gestelt wurde, weil hier das "Verbrechen" noch viel direkter erfolgreich suggeriert wurde!] Einer hochsuggestiblen Frau wurde suggeriert, daß die Spielkarte, die ihr überreicht wurde, ein Messer sei, mit dem sie auf Aufforderung auf Umstehende einstach. In Anwesenheit von Richtern und Polizeibeamten verübte eine andere Frau ähnliche "Verbrechen" mit Gummidolchen, oder versuchte die Anwesenden (mit Pulverzucker) zu vergiften."

Und noch ein weiteres Experiment:

Der folgende Versuch (übers. von mir):
"Rowland (1939). Zwei tief hypnotisierte Subjekte wurden gebeten, durch die Öffnung einer Schachtel zu fassen und eine große, rege Klapperschlange aufzuheben. Diese Aufforderung wurde ihnen gegenüber rationalisiert, indem man ihnen suggerierte, die Schlange sei ein gewundenes Seil. Eine der hypnotisierten Personen folgte sofort, aber wurde durch eine Scheibe von unsichtbarem Glas daran gehindert, die Schlange anzufassen. Die andere Person kam aus dem hypnotischen Zustand heraus und weigerte sich, das Experiment fortzusetzen.
Zwei andere hypnotisierte Subjekte versuchten nach der Schlange zu greifen, obwohl keine Anstrengung gemacht wurde, sie zu täuschen."


Mit anderen Worten: Man kann Hypnotisierte oder auch Nicht-Hypnotisierte dazu bringen, scheinbare Verbrechen zu begehen. mit oder ohne hlluzination. Der Hypnotisierte scheint aber unbewußt immer den Unterschied zwischen echter und suggerierter Wirklichkeitwahrzunehmen. Wenn er dann ein halluziniertes verbrechen beht, dann nicht, weil er reinfällt, sondern weil er weiß, daß es eben doch nur ein Experiment ist, zumindest unbewußt.

LG Miraculus
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Verbrechen durch hypnotische Halluzination? - Miraculus - 08.12.2008 19:13

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