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Wörtlichnehmen
03.01.2009, 15:13
Beitrag: #1
Wörtlichnehmen
Hallo zusammen,

daß der Hypnotisierte alles wortwörtlich nehmen würde, kann man allenthalben lesen.
Aber stimmt das so?
Wohl zmindest nicht generell...
Der Hypnotisierte ist "information seeker", Informationssucher, der unter Berücksichtigung des Gesamtkontextes versucht, die Kommunikation des Hypnotiseurs zu interpretieren.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nicht bestätigen, daß der Hypnotisierte wie ein Automat alles wortwörtlich nimmt.

Ein Beispiel:
Mit einem Freund hatte ich ein Experiment zur posthypnotischen Suggestion gemacht. Ich suggerierte ihm, daß sobald ich ein bestimmtes Auslöserwort aussprechen würde, er auf meinem Kopf einen Hut sähe.
Dann suggerierte ich (erfolgreich) Amnesie dafür.

Etwas später dann, als ich die Wirkung ausprobieren wollte, habe ich kurz vor dem eigentlichen Test einen Vortest gemacht.
Ich fragte ihn, ob ich eine Mütze aufhätte, BEVOR ich das Schlüsselwort aussprach.
Ich erwartete die Antwort "nein", denn ich hatte den posthypnotischen Auslöser ja noch nicht aktiviert. Dann, so mein Plan, würde ich es aussprechen, und die Halluzination träte nun ein.

Stattdessen aber schaute er mich auf diese Frage hin an und meinte dann "ja", und beschrieb die Mütze auf Nachfrage hin auch.

Was war geschehen? Ich erkläre es mir so: Er ging davon aus, daß es meine Absicht wäre, daß er die Halluzination jetzt realisiert, daß meine Frage als Auslöser intendiert war. Das heißt, er mußte unbewußt intelligent interpretieren.
Er ist übrigens ein sehr gutes und auch triniertes hypnotisches Subjekt, aber er reagierte nicht wortwörtlich, vielmehr versuchte er die Suggestion aus dem Gesamtkontext heraus sinnvoll in der konkreten Situation umzusetzen. So könnte man auch andere Beispiele machen.

Hinzukommen mehrere sehr sorgfältige, auf verschiedene Weise durchgeführte Versuche durch experimentelle Psychologen, die gegen die Wortwörtlichkeits-These.

Ein Beispiel (Green, Lynn, Weekes et al., 1990):
"Literalism as a marker of Hypnotic "Trance": Disconfirming Evidence"

Man wählte Personen, die auf der Hypnose-Skala SHSS:C 11 od. 12 von 12 Punkten erreicht hatten.(Die SHSS:C ist recht anspruchsvoll, da sie u.a. ein Amnesie- und mehrere Halluzinations-Items enthält. Wer hier so gut abschneidet, ist also wirklich "tief hypnotisiert", wenn man es so ausdrücken möchte.)

Diesen Versuchspersonen stellte man während der Hypnose verschiedene Fragen, und zwar:

"Do you mind telling me your name?"
("Macht es Ihnen etwas aus, mir Ihren Namen zu sagen?")

"Do you mind standing up?"
("Macht es Ihnen etwas aus, aufzustehen?")

"Are you willing to tell me where you are?"
(Wollen Sie mir sagen, wo Sie sind?")

"Say something."
("Sagen Sie etwas.")
(Wenn jemand "something" ("etwas") antwortete, wurde dies als wortwörtliche Reaktion auf die Aufforderung betrachtet.)

Die Ergebnisse:
Nur ein Drittel der hypnotischen Subjekte ragierte durch ein wortwörtliches verständnis.Die weitaus meisten Vps (ca. 70%) reagierten im Sinne eines NICHT-wörtlichen Verständnisses.

Diese Zahl ist vergleichbar mit zufällig ausgewählten Bibliotheksbesuchern, die ebenfalls und ganz ohne Bezug zur Hypnose dieselben Fragen gestellt bekamen.
Ca. 80% von ihnen reagierte durch ein Nicht-Wörtlichnehmen, was bedeutet, daß immerhin ein Fünftel der Leute die Fragen wörtlich beantwortete, mehr als man vielleicht schätzen würde.

Interessant war aber auch, daß unter den Simulanten fast 60% die Fragen wörtlich beantworteten, also doppelt soviele wie bei den "tief Hypnotiserten"!
Eine andere Studie die auch verschiedene Intonationen der Fragen mit einbezog und ähnliche Resultate zeitigte, schloß daher sinngemäß mit dem Kommentar: Wenn es irgendwelche besonderen Eigenschaften eines hypnotischen Zustandes gibt, so gehört "Wörtlichnehmen" nicht dazu.

Das Wörtlichnehmen bei der Hypnose ist damit nicht generell ad acta gelegt. Es kann vermutlich jedoch einerseits von den Erwartungen der Hypnotisanden her erklärt werden, aus ihrem Rollenverständnis - und andererseits aus der Entspannung, Müdigkeit, Passivität, die bei einer klassischen Hypnose suggeriert werden.

Vielleicht gibt es darüberhinaus aber ein gewissen Wörtlichnehmen in manchen Kontexten. Das weiß ich nicht, aber ich vermute, daß dieses Wörtlichnehmen generell, soweit es das gibt, auf einzelne Aspekte begrenzt sein würde.

Vielleicht ist es mit der Lehre vom Wörtlichnehmen ähnlich wie mit der Behauptung, der Hypnotisierte verstünde keine Verneinungen: Ein übernommener Glaubenssatz, der sich durch selektive Wahrnehmung bestätigt.

Ein Showhypnotiseur (ich zitiere ihn mit seinem Einverständnis) schrieb:

"In meinen Show würde wahrscheinlich ncihts funktionieren wenn der Proband alles wörtlich nehmen würde.

X.Y. hatte und damals folgendes Beispiel gennant, wleche die These unterstreichen sollte, dass unser UB alles wörtlich nimmt.

Er suggerierte einem Probanden in einer Show, daß dieser auf einem heissen Ofen sitzt und die Route 66 herunter fährt.
Der Proband sprang auf da er den heissen Ofen wörtlich genommen hat.

Meine heutige Antwort darauf:
Auch ohne Hypnose hätte er diese Suggeston so verstanden.
Wenn mir jemand suggeriert daß ich auf einem heissen Ofen sitze dann ist es halt ein Ofen.
Soweit ich mich erinnern kann kam die Sache mit dem Highway nach der Ofensuggestion.
Hätte er den Highway vorher suggeriert, hätte der Proband diese Suggestion wahrscheinlich auch so verstanden wie X.Y. es gemeint hat.

Für den Fall, daß X.Y. in die Sache doch vor der Ofenseuggestion suggeriert hat und mein Gedächnis einfach schon ausgelaucht ist, denke ich, daß es wahrscheinlicher ist, daß der Proband die Highway Suggestion nicht mitbekommen hat und deshalb auf den Ofen so reagierte."


Gibt es aber vielleicht irgendwelche Erfahrungen dazu, vielleicht auch solche, wo ein ganz eklatantes Wörtlichnehmen vorliegt, was über die erwähnten Beispiele hinausgeht?
Wenn ist imer noch die Frage, wie häufig es ist, und wie man es erklären sollte...


LG Miraculus
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03.01.2009, 16:25 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 04.01.2009 00:25 von Niko.)
Beitrag: #2
RE: Wörtlichnehmen
Zitat:Hallo zusammen,

daß der Hypnotisierte alles wortwörtlich nehmen würde, kann man allenthalben lesen.
Aber stimmt das so?
Wohl zmindest nicht generell...
Der Hypnotisierte ist "information seeker", Informationssucher, der unter Berücksichtigung des Gesamtkontextes versucht, die Kommunikation des Hypnotiseurs zu interpretieren.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nicht bestätigen, daß der Hypnotisierte wie ein Automat alles wortwörtlich nimmt.

Ein Beispiel:
Mit einem Freund hatte ich ein Experiment zur posthypnotischen Suggestion gemacht. Ich suggerierte ihm, daß sobald ich ein bestimmtes Auslöserwort aussprechen würde, er auf meinem Kopf einen Hut sähe.
Dann suggerierte ich (erfolgreich) Amnesie dafür.

Etwas später dann, als ich die Wirkung ausprobieren wollte, habe ich kurz vor dem eigentlichen Test einen Vortest gemacht.
Ich fragte ihn, ob ich eine Mütze aufhätte, BEVOR ich das Schlüsselwort aussprach.
Ich erwartete die Antwort "nein", denn ich hatte den posthypnotischen Auslöser ja noch nicht aktiviert. Dann, so mein Plan, würde ich es aussprechen, und die Halluzination träte nun ein.

Stattdessen aber schaute er mich auf diese Frage hin an und meinte dann "ja", und beschrieb die Mütze auf Nachfrage hin auch.

Was war geschehen? Ich erkläre es mir so: Er ging davon aus, daß es meine Absicht wäre, daß er die Halluzination jetzt realisiert, daß meine Frage als Auslöser intendiert war. Das heißt, er mußte unbewußt intelligent interpretieren.
Er ist übrigens ein sehr gutes und auch triniertes hypnotisches Subjekt, aber er reagierte nicht wortwörtlich, vielmehr versuchte er die Suggestion aus dem Gesamtkontext heraus sinnvoll in der konkreten Situation umzusetzen. So könnte man auch andere Beispiele machen.

So beschrieben hat es ja sehr gut funktioniert, bis auf eine kleinigkeit... nämlich der Zeitpunkt des Auslösers.
Es könnten hier alles mögliche sein, warum Dein Proband es nicht zu 100% umgesetzt hat.

Das Wortwörtlich nehmen, ist auch nicht unbedingt Wortwörtlich gemaint..
Das Wortwörtlich nehmen ist wie Du unten in dem Beispiel des Offens zeigst. Nämlich unsere alltägliche Umgangssprache sollte man nicht mit der Umsetzung des UB´s verwechseln.
Hätte man diesem Menschen auf dem heißen Offen Suggeriert das er nicht absteigen kann weil er fest geklebt ist... hätte es verheerende folgen für ihn haben können.

Liebe Grüße
Niko
...............................................

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