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Experimentelle und klinische Hypnose
20.02.2009, 17:40
Beitrag: #1
Experimentelle und klinische Hypnose
Hallo zusammen,

vielleicht ist es mal interessant, das Thema experimentelle und therapeutische Hypnose kurz darzustellen. Wink

Unter der letzteren verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht nur die klinische Hypnose, sondern auch Hypnose zu Lebenshilfe und Coaching.

Ich werde es in zwei ABsätze gliedern, gekennzeichnet durch a) und b)


a) Die Experimentelle Hypnose

Allgemein muß etwas zur Psychologie vorrauschgeschickt werden.
Anders, als es oftmals geglaubt wird, ist die Psychologie primär die Lehre der psychischen Vorgänge beim gesunden Menschen.

Sie beschäftigt sich beispielsweise mit der menschlichen Wahrnehmung, Lernstrategien, sozialen Einflüssen, Gruppendynamik, der Entwicklung im Kindesalter, dem Gedächtnis usw.

Hypnose als psychologisches Phänomen fällt naturgemäß unter die Zuständigkeit der Psychologie.

Teil der Psychologie ist allerdings auch die klinische Psychologie. Diese hat psychische Störungen und ihre Behandlung zum Gegenstand, wie auch die Psychitrie.
Letztere ist ein Teil der Medizin. Der Psychiater ist nicht Psychologe (außer er kombiniert es durch eine umfangreiche Ausbildung), sondern ein Arzt, der eine Facharztausbildung absolviert hat, wie auch ein Chirurg oder ein HNO-Arzt.

Die Hypnose ist also per senicht die "Domäne" der Kliniker, werder der Psychiater, noch der Ärzte allgemein, noch der "klinischen Psychologen" oder Psychotherapeuten.

Vielmehr gehört sie in den Bereich der experimentellen Psychologie, also jener Psychologie, die sich primär mit normalen, gesunden psychischen Vorgängen beschäftigt. (Dennoch beschäftigen sich auch manche Psychiater wissenschaftlich mit Hypnose.)

Man kann auch von der Hypnoseforschung, der wissenschaftlichen od. akademischen Hypnose sprechen.
Längere Zeit war die Beschäftigung mit der Hypnose unter den Psychologen eher verpönt, auch wenn es schon Anfang des letzten Jahrhunderst Arbeiten zu ihr gab.

Einen Wandel der Einstellung leitete der amerikanische Psychologe Clark Leonard Hull 1933 mit seinem Buch "Hypnosis and Suggestion" ein. Da Hull einer der bedeutendsten Psychologen überhaupt ist resektive war, trug sein großes Renommee zu einer positiveren Einstellung zur Hypnose bei.

Inzwischen gibt es eine Unzahl von Hypnoseforschern, Studien, Fachartikeln, Büchern und Kongressen.

Das Vorgehen in der modernen Hypnoseforschung ist sehr stark standardisiert, wie ja iun der ganzen Psychologie. Beispielsweise wird üblicherweise eine Induktion durchgeführt, und zwar so, daß sie nur sehr bedingt Raum für Anpassungen an den Hypnotisanden läßt.
(Aus Gründen der Einfachheit handelt es sich übrigens um klassische Induktionen, meist um eine Fixation.)
Auch wenn bei sollchen Experimneten versucht wird, Rapport herzustellen, findet kein nennenswertes Vorgespräch statt.
Die Tests auf Skalen sind ebenfalls standardisiert. Es werden bestimmte Suggestionen gegeben, dann wird die Reaktion beobachtet.

Häufig wird dabei die Testslala SHSS:C zur individuellen Untersuchung angewnadt, die insgesamt 12 items mit zunehmender Schwierigkeit enthält, unter anderem die spontane Auseinanderbewegung der Arme, eine positive Geschmackshalluzination, eine Altersregression, eine eine negative visuelle Halluzination und selektive posthypnotische Amnesie.

Das standardisierte Vorgehen hat Vor- udn Nachteile.

Zweck ist eine Vergleichbarkeit und Objektivierbarkeit der Forschungsergebnisse.

Der Nachteil besteht darin, daß durch die mangelnde Flexibilität nicht besonders auf die Individuen eingegengen werden kann, was zusammen mit dem "Laborsetting" natürlich negative Folgen für die Hypnotisierbarkeit hat.

Bedauerlich ist m.E. weniger, daß formelle und standardisierte Techniken und Prozeduren verwendet werden, sondern deren fast ausschließlicher Gebrauch. Auch ungut ist in meinen AUgen die Tatsache, daß sich nur manche, aber keineswegs alle, Experimentatoren der Beschränkungen der Methodik und des Settings sowie der manchmal fehlenden Übertragbarkeit ihrer Ergebnisse auf andere Kontexte bewußt sind.

Auf der einen Seite hat die Hypnoseforschung etliche interessante Ergebnisse geliefert, und daher auch zu einem besseren Verständnis der Hypnose beigetragen.
Andererseits sind selbst grundlegende Fragen bis heute ungeklärt, und es gibt keine allgemein akzeptierte Theorie der Hyopnose.
Dies trägt vllt. auch mit zu der "Schwäche" der Hypnoseforschung bei.

Denn die experimentelle Hypnose lebt sozusagen ihr eigenes Leben, und die meisten Anwender wie Kliniker, Therapeuten usf. interessieren sich nicht für sie und haben auch keinen Zugang zu ihr.


Hinzukommt, daß experimentelle und klinische Hypnose einen jeweils recht verscheidenen Zugang und andere Interessenschwerpunkte haben.

So sind für den Hypnotherapie hypnotische Phänomene wie Halluzination, ideomotorische Reaktion oder Amnesie nicht konstitutiv.
Man kann solche Erscheinungen utilisieren, aber man kann notfalls auch ohen sie "leben". Sie sind keineswegs die Grundlage der theapeutischen oder klinischen Hypnose.

Anders ist es jedoch mit der Hypnoseforschung. Damit Hypnose als ein eigenes Phänomen der Forschung gelten kann, sind die besonderen Phänomene essentiell. Denn andernfalls, gäbe es nur Entspannung oder ähnliche Zustände, wäre Hypnose aus wissenschaftzlicher Sicht vermutlich nichts "Besonderes", was speziell als eigenes Gebiet abgehandelt werden muß.

Daher stehen bei der Betrachtung der Hypnose nicht nur, aber meistens, auch hypnotische Phänomene im Mittelpunkt, mehr als subjektiv erlebte Zustände. Man konzentriet sich etwa überwiegend eher auf Menschen, die im Test-Setting viele hypnotische Reaktionen zeigen, als darauf, ob jemand sich tief hypnotisiert fühlt oder nicht.

Das Besondere hypnotischer Phänomene bestht nach allgemeinem Dafürhalten entweder in der erlebten Unwillkürlichkeit der Vorgänge (Beispiel ideomotorische Reaktion), oder in der Unbewußtheit der Gründe des Handelns (Beispiel posthypnotische Suggestion mit Amnesie).


Fragen, mit denen sich die experimentelle Hypnose beispielsweise auseinandersetzt, wären:


- Was ist Hypnose?

- In welchem Verhältnis steht Hypnose zur Wachsuggestion?

- Von welchen Parametern hängt die Suggestibilität ab, die man bei Tests messen kann?

- Ist posthypnotische Amnesie reversibel?

- Auf welche Arten reagiert das Subjekt auf Suggestionen?

- Erhöht der Gebrauch der Imagination die Suggestibilität?

- Gibt es spezielel biologische Marker (z.b. Gehirnwellenmuster) bei der Hyppnose?

- Was passiert mit posthypnotischen Suggestionen, die nicht aufghoben werden?

- Wenn jemand hypnotisch halluziniert, verarbeitet er dann auf einer andern Ebbene dennoch die realen Informationen, und kann er sie in sein Handeln mit einbeziehen?

- Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Hypnose und Gedächtnis?

- Wie verhalten sich Menschen bei einer Altersregression?

- Was ist "genuin" hypnotischen Verhalten, was kommt einfach durch die Erwartung zustande?


Selbstredend gehören hier auch die Fragen mit herein, ob man Menschen mit Hypnose zu Dingen bringen kann, zu denen man sie ohne Hypnose nicht anstiften könnte, und ob die Erzeugung von Illusionen in dieser Hinsicht relevant ist.
Mit Klinikern, Ärzten, Psychotherapeuten, "Ericksonianern" hat diese Fragestellung nichts zu tun.
Sie ist vielmehr Objekt der psychologischen Forschung und Gegenstand ausgiebiger und qualitaitiv hochwertiger Expermente und Überlegungen.



b) Therapeutische Hypnose


Die therapeutische Hypnose versucht nicht zu erforschen, was Hypnose ist oder nicht. (Auch wenn es natürlich etliche Hypnoseforscher gibt, die in Personalunion Kliniker sind).

Die Hypnotherapie versucht vielmehr, die Hypnose anzuwenden, und zwar, um Menschen zu helfen.

Dabei ist der Zugang ziemlich anders als im standardisierten Verfahren der experimentellen Psychologen in ihren Laboratorien.
Vor allen Dingen herrschen bedingt durch die andere Zielsetzung andere Interessenschwerpunkte und Herangehensweisen.

Fast jeder "Hypnoseanwender" versucht, sich mehr oder weniger individuell dem Hypnotisierten anzupassen und flexibel zu sein, auch in der klassischen Hypnose.

Eine größere Verbreitung in medizinischen Kreisen hat die Hypnose m.W. insbesondere seit dem Korea-Krieg gefunden, da dort Soldaten mit "shell shock" (Kriegsneurose) erfolgreich hypnotisch behandelt wurden.

Eine Vielzahl von neunen Impulsen für den therapeutischen und helfenden Einsatz der Hypnose gab bekanntlich der amerianische Psychiater und Psychologe Milton H. Erickson.
Manchmal geht es etwas unter, daß Erickson ein vielfältiges Vorgehen beherrschte und indirekte und klassische Hypnosemethoden anwandte.
Es gibt einige Kliniker, die einen künstlichen Gegensatz zwischen "ericksonschen" Techniken und klassischen Vorgehesweisen aufbauen.

Das ist m.E. eigentlich unnötig, denn nicht in bestimmten Einzeltechniken, sondern in der Grundhaltung Ericksons scheint mir die Bedeutung seines Ansatzes zu liegen:
Daß jeder Mensch ein Individuum mit Ressourcen ist, die utilisiert werden können, daß jeder einzigartig ist, und daß jeder Mensch Zugang zu einer "Weisheit" im Unterbewußtsein hat, die ihm helfen kann, eine Lösung zu finden.

In der somatisch-medizinischen Hypnose ist wohl die Zahnheilkunde das wichtigste Anwendungsgebiet. In Großbritanneien gehört der Einsatz von Hypnose zur Ausbildung der Zahnärzte, und auch in Deutschland wird er zunehmend populärer, so scheint mir.

Daneben kann Hypnose allgemein zur Schmerzbekämpfung eingesetzt werden. Wichtige Vorläufer wie die Chirurgen Esdaile und Elliotson gibt es schon im 19. Jahrhundert.
Auch etliche anderen Anwendungsfelder bestehen, so sei etwa die Beeinflussung von Hauterkrankungen erwähnt.
Bei weiterem Interesse empfehle ich nach "Expertise" und "Revenstorf" zu googeln, bis man zu diesem Text kommt.

Neben der klinischen gibt es natürlich die Hypnose zu Lebenshilfe und Coching, die erfreulicherweise in letzter Zeit positive Zuwächse zu verzeichnen hat.
Dabei können diverse Ansätze gewählt werden, wie auch in der Hypnotherapie. Oft sind die Unterschiede gering und definieren sich eher durch das Ziel als duch die Methodik.

Soweit eine allgemeine Darstellung. [Smile]

LG Miraculus
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