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Dimensionen der Tiefe
07.02.2010, 17:24 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 07.02.2010 23:36 von Miraculus.)
Beitrag: #1
Dimensionen der Tiefe
Hallo zusammen,

hier versuche ich den Begriff der "Tiefe" der Hypnose in einige wichtige Dimensinen zu zerlegen.

Das scheint mir eine gute Idee zu sein, weil oftmals der eine unter "Tiefe" etwas anderes versteht als der andere, und weil wir es ja tatsächlich auch mit verschiedenen Komponenten zu tun haben. Smile

(Meine Aufstellung ist nur eine von vielen möglichen, es gibt natürlich auch ganz andere Modelle. Es ist nur mein Vorschlag. Ich beanspruche auch keine besondere Originalität oder Wissenschaftlichkeit, es soll einfach eine mögliche Orientierung sein: Mein ursprüngliches Modell war vielschichtiger, aber für den normalen Gebrauch zu kompliziert. Alles, was jetzt dasteht, iist m.E. relativ eingängig und verständlich, höchstens der eine oder andere Begriff mag etwas abschreckend wirken; doch er ist schnell erklärt.)

Einige der Dimensionen treffen nicht auf jede Form der Hypnose, sondern nur auf die übliche Entspannungs-Trance zu.
Fangen wir also an, unten erläutere ich genauer, was gemein ist.:

----

a) Suggestibilit
b) Subjektiv erlebte Tiefe
c) Absorbiertheit
d) Rapport (inkl. "achaisches Involviertsein")
e) Entsapnnung
f) Schläfrigkeit
g) Topographische Regression ("primärprozesßhaftes Erleben")
h) Trancetypische Erfahrungen: Ausmaß und Intensität ungewöhnlicher Erfahrungen (wie Fading und veränderte Körperwahrnehmung)
i) Unterbewußtes Involviertsein in die hypnotische Rolle
j) Zugang zum Umbewußten
k)"Rückzug" der Aufmerksamkeit und Lethargie, vergleichbar mit tiefen meditativen Zuständen


a) Suggestibilität: Wird klassischerweise sehr stark mit "Tiefe" assoziiert, da die Steigerung der Suggestibilität klassischerweise als wichtige Eigenschaft der Hypnose verstanden wird. Wie gut kann jemand zu einer bestimmten Zeit typische hypnotische Phänomene wie Katalepsie, Amnesien und Halluzinationen erzeugen?
Man unterscheidet gewöhnlich niedrige, mittelere und hohe Suggestibilität, wobei damit NICHT gemeint ist, daß das eine stabile und unveränderliche Größe sein müßte.

b) Subjektiv erlebte Tiefe: Ausmaß, in dem jemand sich selbst als "hypnotisiert" bzw. "tief hypnotisiert" fühlt. Man gibt zur Messung beispielsweise eine imaginäre Zahlenskala von 0-20 vor, wobei "überhaupt nicht hypnotisiert" und 20 "extrem tief hypnotisiert" bedeutet, und läßt den Probanden dann einschätzen, wie tief er sich hypnotisiert erlebt. Hier gibt es viele möglichkeiten und Verfahren.

c) Absorbiertheit: Ein Faktor, der ebenfalls oft mit "Tiefe" gemeint ist. Wie intensiv erlebt jemand die hypnotischen Erfahrungen, wie stark blendet er irrelevante interne oder externe Stimuli aus?
Wie stark ist er in sein Erleben versunken und bekommt die anderen Dinge um ihn gerum nicht mehr mit?
Gemeint ist auch die Intensität der Gefühle.

d) Rapport: Wie intensiv und gut und vertrauensvoll ist die Beziehung zum Hypnotiseur (von seiten des Hypnotisanden aus)?

Als Spezialfall kann man darunter auch das sog. "archaische Involviertsein" verstehen, eine Art "archaische", "primitive" Haltung ggü. dem Hypnotiseur. Es handelt sich um ein Konzept psychoanalytischer Autoren und beschreibt eine "regressive" Haltung zum Hypnotiseur: Wie weitwird der Hypnotiseur als Elternigur erlebt, wie weit wird er "geliebt", wie stark befürchtet das Subjekt, ihn zu enttäuschen?

e) Entspannung: Das subjektiv erlebt Ausmaß, in dem jemand psychisch und/oder physisch entspannt ist. Entspannung wird traditionell auch mit der "üblichen" klassischen Hypnose und ihrer Tiefe in Zusammenhang gesetzt.

f) Schläfrigkeit: Müdigkeit, schlafähnliches Gefühl und Verhalten.

g) Topographische Regression: Das Ausmaß, in dem eine sog. "primärprozeßhafte "primitive" psychische Funktionsweise in nden Vordergrund tritt.
Bildhaftes, affektbetontes und ganzheitliches ("holistisches") Denken nehemn zu und analytisches, abstraktes und analytisch-detailorientiertes Denken nimmt ab.

h) Intensität und Anzahl trancetypischer (außergewöhnliche) Erfahrungen wie Fading (Stimme des Hypnotiseurs erscheint zeitweise weiter weg), das Gefühl, die Stimme des Hypnotiseurs in seinem Kopf zu hören, veränderte Körper- und Zeitwahrnehmung, Gefühl, "wegzudriften", die Wahrnehmung, den Suggestionen es Hypnotiseurs nicht widerstehen zu können, usw.

i) Unterbewußtes Involviertsein in die hypnotische Rolle: Wie weit erlebt jemand die Hypnose entsprechend dem, was er sich unter einem "guten" Subjekt vorstellt?
Hierher gehört z.B. das Gefühl, daß suggerierte Phänomene absolut automatisch eintreten und er ihnen widerstehen od. nicht widerstehen kann, je nach Erwartung. (Das Gefühl, ihnen nicht widerstehen zu können, hatten wir schon bei h) ).
Wichtig ist der Grad des unterbewußten Involviertsein, denn würde es rein bewußt stattfinden, so wäre es nur ein "Schauspielen".

j) Zugang zum Unbewußten: Ausmaß, in dem man einen Zugang zu "unbewußtem" Wissen hat, der normalerweise nicht besteht, beispielsweise durh "Sprechen in Trance", automatisches Sprechen, automatisches Schreiben, ideomotorische Antworten.

k) "Rückzug der Aufmerksamkeit" und Lethargie: Damit meine ich das Ausmaß, in demjemand nicht mehr beim Geschehen dabei ist und seine Fähigkeit und Motivation, auf Suggestionen zu reagieren, nachläßt.
In einer sehr tiefen, meditationsartigen Trance, scheint dies manchmal der Fall zu sein, oder es ist folge einer sehr großen Schläfrigkeit und Entspannung.

Ich meine nicht hierbei nicht das rein subjektive Erleben, daß die Aufmerksmkeit und das Bewußtsein "wegdriften", während sie unterbewußt weiterbestehen; Ich denke vielmehr daran, daß die Aufmerksamkeit tatsächlich von den Inhalten der Hypnose abgezogen wird.

Diese Art von "Tiefe" ist für eine "übliche" Hypnose wohl eher ungünstig.
Klassicherweise vertseht man unter dem "tief hypnotisierten Subjekt" jemanden, der sehr suggestibel während der Hypnose ist udn sich subjektiv tief hypnotisiert fühlt. Dazu gehört aber, daß er unabhängig von seiner subjektiven Wahrnehmung geistig präsent und (re)aktionsfähig ist.
Die unter k) verstandene Tiefe stellt also einen Sonderfall dar.

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Man kann jetzt jeweils alle Dimensionen von a) bis j) unabhängig von einander betrachten und einschätzen.
Beispielsweise kann eine bestimmte Form der Tiefe 1) überhaupt nicht, 2) in geringem Maße), mittelmäßig und hochgradig vorhanden sein.

Beispielsweise kann es sein, daß jemand während einer bestimmten Hypnose (oder eines best. Zeitpunktes der Hypnose) in hohem Maße suggestibel ist, aber nur mittelmäßig entapnnt, während er sich selbst als mitteltief hypnotisiert erlebt.
Ein anderer fühlt sich tief hypnotisiert, ist kaum entspannt und mittelmäßig suggestibel.
Obwohl die oben genannten Dimensionen zusammenhängen, sind sie nicht dasselbe und können im Einzelfall recht unabhängig voneinade sein.

Ich hoffe, daß diese Dimensionen einigermaßen brauchbar sind und die Aspekte wiederspiegeln, an die man bei der Rede von der "hypnotischen tiefe" denkt.

LG Miraculus

(((Anmerkungen für speziell Interessierte:
Die "Absorbiertheit" lehne ich an das Konzept von Tellegen udnd Atkinson an.
http://ist-socrates.berkeley.edu/~kihlstrm/TAS.htm
Einige der Kategorien oben entsprechen weitgehend dem Konzept von Ronald Shor. Die Idee der topographischen Regression wurde durch Erika Fromm formuliert.
Einige Dimensionen, die ich hier aufgelistete habe, gehören genau genommen nicht zur "Tiefe" im klassischen Sinne, hängen aber mit ihr zusmammen.
Einige der Dimensionen sind auf alle Fälle Ergebnis der sozialen "hypnotischen Rolle", wie etwa das "archaische Involviertsein". Die sändert aber natürlich nichts an ihrer Realität und Bedeutung.)))
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07.02.2010, 18:44
Beitrag: #2
RE: Dimensionen der Tiefe
Hallo zusammen,

habe es noch um einen therapeutisch wichtigen Punkt ergänzt (j):
Der Zugang zu unterbewußtem Wissen, den manbeispielsweise durch automatisches Schreiben, automatisches Sprechen od. ideomotorische Signale erhalten kann.

LG Miraculus
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